"Frau Reis" zeigt das neueste Telefonmodell ihres Gatten Philipp Reis

Mein Wohn- und Arbeitsort Friedrichsdorf im Taunus war einmal eine wahre Brutstätte der Innovation. Einige Hugenotten, die aus Frankreich fliehen mussten, gründeten diese Siedlung 1687. Deshalb wurde dort bis zum ersten Weltkrieg noch hauptsächlich französisch gesprochen. In Friedrichsdorf gab es ein Internat namens "Institut Garnier", und dort unterrichtete als Physiklehrer Philipp Reis. In seiner Freizeit bastelte er viel und brachte eine Reihe von Erfindungen hervor: Den Rollschuh, den Fernauslöser für die Kamera, den Wasserverbrauchszähler und einen kuriosen Vorläufer des Fahrrads, mit dem er kilometerweit durch die Gegend kurvte. Seine bekannteste Erfindung war jedoch das Telefon.

Da es damals noch kein Mikrofon gab, orientierte sich Philipp Reis an der Natur und schnitzte ein menschliches Ohr aus Holz. Wie wir wissen, hat sich diese Mode nicht durchgesetzt, sonst hätten unsere Handies noch heute diese Form und wir hätten beim Telefonieren immer ein Ohr in der Hand. Als Verstärker klaute Reis eine Stricknadel von seiner Frau und wickelte Draht spulenförmig herum. Die Nadel steckte er in eine Violine, die als Resonanzkörper den Schall wiedergab. Das war das erste Telefon in Friedrichsdorf.

Philipp Reis baute später weitere Telefone, die er gewissenhaft weiterentwickelte. Ein Folgemodell bestand aus einem Holzkästchen mit Schalltrichter, in den man hineinsprach. Der Empfänger war ein weiteres Holzkästchen, das man sich ans Ohr hielt. Reis konnte seine Erfindung nicht patentieren, weil es damals in Deutschland noch kein Patentrecht gab. Er ließ seine Telefone in kleiner Stückzahl fertigen und verkaufte sie ins In- und Ausland. Alexander Graham Bell, der von den Amerikanern als Erfinder des Telefons gefeiert wird, soll auch solch ein Exemplar in die Finger bekommen haben. Als Bell später das Telefon in den USA zum Patent anmeldete, war Reis schon seit zwei Jahren verstorben.

Zeitgleich mit Reis entwickelte der Italo-Amerikaner Antonio Meucci ebenfalls ein Telefon. Und wer hat in dessen Werkstatt gearbeitet? Alexander Graham Bell. Meucci konnte damals die Kosten für eine Patentanmeldung nicht aufbringen. Bell wiederum wollte Mabel heiraten, die Tochter eines Bostoner Anwalts. Der machte zur Bedingung, dass Bell Mabel nur bekommt, wenn er das Telefon zum Patent anmeldet und seinen Schwiegervater daran beteiligt. Bell zeichnete eilig Pläne eines Telefons, ging damit zum Patentamt und erhielt sein Patent. Zwei Stunden später ging der Erfinder Elisha Gray zum Patentamt, ebenfalls mit Plänen eines Telefons. Aber da war das Patent schon vergeben. Wer zu spät kommt, Sie wissen schon. Was man heute auch weiß: Das Modell von Gray funktionierte, das von Bell nicht. Dies jedoch änderte nichts am einmal vergebenen Patent.

Bell verstand es, das Telefon in Serie fertigen zu lassen und erfolgreich zu vermarkten. Er starb als reicher Mann, im Gegensatz zu Philipp Reis, Antonio Meucci und Elisha Gray. Das Klischee des tüftelnden Deutschen und des Amerikaners mit Unternehmertalent sollte sich in der Geschichte noch viele Male wiederholen, unter anderem bei der Erfindung der Glühlampe.

Doch bei all dem darf man nicht vergessen, dass wir Philipp Reis viel verdanken. Er fertigte den vermutlich ersten funktionierenden Telefonapparat, er erfand das Wort "Telephon", das wir heute alle verwenden, er publizierte seine Erfindung, u.a. im "Scientific American", und er ließ auf öffentlichen Vorführungen so berühmte Sätze durch das Telefon erschallen, wie: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat!"

Das ehemalige Wohnhaus der Familie Reis wird heute von der Stadt Friedrichsdorf betrieben als Philipp-Reis-Museum. Und manchmal führt "Frau Reis" persönlich im Biedermeierkleid ihre Gäste durch die gute Stube. Gewissermaßen die Denkstelle der Biedermeierzeit.



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